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- Auszüge aus einer empirischen Studie
Von Tanja Alexandra Küchle Rockfestivals: Alles nur Kommerz?
Die meisten Rockfestivals heute haben nichts mehr mit Underground zu tun. Sie sind nicht ‚independent’ und für viele Menschen kein Ausdruck von Rebellentum oder einer alternativen Lebensweise, sondern ein gern genutztes, außergewöhnliches Unterhaltungsangebot. Akquise von Emailadressen am Eingang der J.D.-Lynchburg auf dem Southside 2008 Jack Daniels erfand Rock’n’Roll? Für einige Betrachter aus Fachwelt wie Fangemeinde sind die sponsernden Unternehmen einer Musikveranstaltung ein Indikator für ihre ‚Kommerzialität’. Mehr oder weniger werden alle größeren Festivals in Deutschland gesponsert. So ist seit vielen Jahren die Biermarke Beck’s der Hauptsponsor des Southside. Manch befragter Besucher nennt sie sogar, wenn er nach dem Veranstalter des Festivals gefragt wird. Das stimmt natürlich nicht, ist aber gar nicht so abwegig. Denn andernorts gibt es zum Beispiel die Nokia Isle of Wight, und auch das Festival International de Benicassim heißt heute FIB Heineken. Viele Musikfans beschweren sich über derartige Verschmelzungen von Kultur, wenn auch der populären Art, mit wirtschaftlichen Interessen. Die meisten Festivalgänger aber haben sich damit längst arrangiert. Genau das zeigt der Southsidler mit seinem Ticketkauf.
Anders sieht es Denis – kein Besucher, sondern Aufbauer in der Crew des Southside. Er würde privat nie hierher kommen, er ziehe „alternative Festivals“ vor. Er erzählt vom Fusion nahe Berlin. Underground. „Das hier ist doch alles Kommerzkram. Riesengroß. Und zu Trinken gibt es nur Marken aus dem Hause CocaCola.“ Ähnlich sehen es auch einige kritische Beobachter, seien sie Kulturwissenschaftler an der Hochschule oder Redakteure beim Musikmagazin Intro. Allen voran kritisierte die Journalistin Naomi Klein (No Logo!) in den Neunzigerjahren derartige Tendenzen. Damals gab es in Amerika Brauereien, die tatsächlich Künstler exklusiv unter Vertrag nahmen und Konzerte organisierten.
Verlieren Musiker und Rock’n’Roll-Spirit durch ein Firmenlabel an Authentizität? Ist das Southside als Veranstaltung insgesamt damit ‚nur’ noch ein Erlebnisprodukt? Oder sind das vielleicht die falschen Fragen, weil ein Musikfestival dieser Größenordnung gar nicht ohne Sponsoren bestehen könnte? Das jedenfalls meint die große Mehrheit der Southside-BesucherInnen, das meinen auch die Veranstalter des Festivals und weitere Beteiligte. Ob dies tatsächlich so ist? Tatsache ist: was wir Menschen als unsere Welt, als Fakten, wahrnehmen, das wird ‚wahr’. Es wird real für uns und in seinen Konsequenzen, die es für uns hat. Wenn ich davon ausgehe, dass es regnen wird, nehme ich Gummistiefel mit. Wenn ich meine, dass mir gute Musik und große Künstler auf Rockfestivals nur Dank Sponsorengeldern präsentiert werden können, ändert sich meine Haltung zur Allgegenwart von Beck’s, Jack Daniels und Co. und zu ihrem dreitägigen Monopol. Längst gehören Sponsorenstände zum verbreiteten Bild eines Festivals, sind Banner und Extra-Angebote, Gewinnspiele und Mucki-Checker fester Bestandteil des Gesamtpakets. Die Musik steht auf einem Musikfestival nicht mehr alleine im Angebot.
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-Essay / Tanja Küchle




